Agatha Christie – Ein Leben für den Krimi

6. Mai 2015

Krimi Agatha Christie

Bartlomiej Zyczynski – Fotolia.com.

Jeder, der gerne Bücher liest, hat sie vermutlich schon erlebt. Diese schlaflosen Nächte, dieses Nicht-Aufhören-Wollen, weil die Spannung so groß ist, dass man unbedingt wissen muss, wie der Krimi endet. Es ist zwar schon mitten in der Nacht, aber eine Seite möchte man unbedingt noch lesen. Und aus einer Seite werden zehn, zwanzig, dreißig.

Eine Empfehlung für die Zeit in der du für einen gemütlichen Abend die perfekte Begleitung suchst, um in andere Epochen und Gegenden einzutauchen.

Eine Engländerin auf dem Weg zum Weltruhm

Das Paradebeispiel für packende Romane und aufregende Geschichten sind die der englischen Krimi Autorin Agatha Christie. Der Ruhm ihrer detailverliebten Kleinstadtkrimis aus den 20er bis 70er Jahren ist ungebrochen. Ob Das Böse unter der Sonne, 16 Uhr 50 ab Paddington, Der Wachsblumenstrauß oder Mord im Spiegel, bis heute führen ihre zahlreichen Bücher bei Lesern auf der ganzen Welt zu Spannung bis zur letzten Sekunde.*

Agatha Mary Clarissa Miller wurde 1890 in Devon, Südwestengland, in eine Familie der wohlhabenden Mittelklasse hinein geboren. Ihr amerikanischer Vater unterrichtete sie zu Haus, während ihre englische Mutter sie von früh an mit phantasievollen Geschichten versorgte. Bereits im Alter von fünf Jahren brachte sich Agatha das Lesen selbst bei. Mit 18 Jahren verfasste sie ihre ersten Kurzgeschichten.

Während des Ersten Weltkrieges begann Agatha, ihre später berühmten Detektivgeschichten zu schreiben, um der Monotonie ihrer Arbeit etwas Abwechslung entgegenzustellen. Damals war sie als Krankenschwester und Apothekenhelferin tätig und konnte so ihr medizinisches Wissen über tödliche Substanzen für ihre fiktiven Morde verwenden, die sie mit größter Detailgenauigkeit beschrieb. In dieser Zeit lernte die junge Engländerin auch ihren ersten Ehemann Archibald Christie, einen Luftwaffenoffizier, kennen.

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Der legendäre Orientexpress, in dem Agatha Christie ihren gleichnamigen Krimi schrieb. Renate Franke / pixelio.de.

Gestatten: Hercule Poirot!

Die Leiche von Emily Inglethorp weist Spuren Gift auf. Eindeutig eine Strychnin-Vergiftung! Das weiß der clevere Ermittler sofort. Das fehlende Glied in der Kettewurde 1920 der Debütroman der Schriftstellerin. Es ist auch das erste Buch, in dem Agatha Christie einen der wohl bekanntesten Detektive der Literaturgeschichte zum Leben erweckt: den Belgier Hercule Poirot.

Christies Bücher sind meist ähnlich gestrickt. In einer geschlossenen Räumlichkeit, auf einem Dampfer, in einer Bibliothek oder einem Pfarrhaus geschieht ein Mord. Es gibt einen engen Kreis von Verdächtigen. Menschen, die Christie im Laufe des Romanes dem Leser umfangreich vorstellt. Meist haben diese ein Alibi, oftmals ein falsches. Um das Verbrechen zu klären, kommen ihre gewitzten Detektive zum Einsatz.

Ein penibel gewachster Schnauzer, kleine graue Zellen und der Inbegriff des Perfektionismus sind die Stichworte, die die schräge, liebenswürdige Person des Hercule Poirot am besten beschreiben. Seine große Hingabe zu Eleganz, Präzision und auch seine ganz und gar hervorragenden Manieren werden oft von der Polizei belächelt.

Doch letztendlich ist es immer Poirot, der bei der Aufklärung eines Falles das letzte Wort hat. Und so schafft er es, mit großer Beobachtungsgabe den ersten der vielen Giftmorde aufzuklären, die im Laufe seiner Karriere noch folgen sollten. Agatha Christie konnte sich damals nicht ausmalen, wie berühmt ihre Figur einst werden würde. In 33 Romanen und 54 Kurzgeschichten tritt Poirot als Protagonist in Erscheinung.

In zweiter Ehe war Christie mit dem Archäologen Max Mallowan vermählt und begleitete ihn auf seine Ausgrabungen. Durch ihre Reise-Erfahrungen im Zuge der Expeditionen ihres Mannes entstanden zwei ihrer wohl größten Poirot-Erfolge: Mord im Orientexpress und Der Tod auf dem Nil.* Nachdem sie so viel Zeit mit der Figur des belgischen Detektivs verbrachte, bezeichnete die Autorin Hercule Poirot später sogar als ihren Freund und Partner.

Die grenzenlose Beliebtheit von Christies Romanen ist kein Wunder. Der Leser bekommt von Anfang an das Gefühl, Teil der Geschichte zu sein. Man lernt die Menschen mit ihren Eigenheiten und verstrickten Beziehungen kennen, als würde sich die Szenerie im Nachbardorf abspielen. Der Leser wird so tief in der Dramatik mitgenommen, dass er den Eindruck hat, auf eigene Faust über den Nildampfer zu stolzieren oder im prunkvoll dekorierten Orientexpress zu Abend zu speisen.

Christies Grundsatz: „Der Detektiv darf niemals mehr wissen als der Leser.“ Die Autorin legt Wert auf die Geschichten hinter den Morden. Jeder Krimi lädt zu einer Zeitreise. Die Darstellung der Manieren der vornehmen Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts geben einen interessanten und teils amüsanten Einblick in den Alltag der damaligen Zeit.

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Agatha Christies Sommerhaus in Greenway (Devon). Ronald Langhoff / pixelio.de.

Fräulein Marple aus St. Meary Mead

Monsieur Poirot sollte nicht die einzige Erfolgsfigur der Agatha Christie bleiben. 1927 tauchte erstmals eine stets fröhliche, manierliche und akkurate Dame aus der Kleinstadt in ihren Büchern auf. Agathas Großmutter diente ihr dabei als Vorlage. Miss Marple, deren Vorname übrigens „Jane“ lautet, erfreut sich besonders am Stricken, Gärtnern und örtlichem Klatsch und Tratsch. Dadurch wird sie von Kriminellen oft unterschätzt.

Denn mit jeder Masche, die sie anschlägt, strickt sie nicht nur gemütliche Socken, sondern löst auch gleichzeitig Verbrechen. Mit dem Motto „Nichts ist so, wie es scheint“ untersucht sie von ihrem kleinen Häuschen in St. Meary Mead aus das menschliche Verhalten. Spätestens seit Mord im Pfarrhaus*, dem ersten vollständigen Roman mit Miss Marple, waren die Leser von der Liebenswürdigkeit und den Fähigkeiten der alten Dame restlos begeistert.

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Krimi im Theater: Die Mausefalle

Die Britin beschränkte sich nicht „nur“ auf das Verfassen von Romanen und Kurzgeschichten. Auch zahlreiche Theaterstücke entstanden im Laufe ihrer Karriere. „Die Mausefalle“ ist das wohl erfolgreichste Schauspiel aller Zeiten. 1952 feierte es Premiere. Niemand konnte ahnen, dass es eines Tages zum am längsten ununterbrochen laufenden Theaterstück der Welt werden würde. Bis heute wird es täglich im Londoner St. Martin’s Theatre aufgeführt und feierte im Jahr 2002 seinen 50. Geburtstag.

Der Erfolg ist jedoch nicht verwunderlich. Das Stück ist ein Beispiel dafür, dass ihre Geschichten nie vorhersehbar sind. Der Zuschauer erlebt im großen Finale einen Überraschungs-Effekt. Der Krimi über die mysteriösen Morde in der kleinen Pension Monkswell Manor ist so spannend, dass der Zuschauer förmlich an den Lippen der Akteure klebt.

Agatha Christie Krimi

Eine Geschichte, die nie endet

Als „Queen of Crime“ entwickelte Agatha Christie den modernen britischen Krimi. 73 solcher Werke sollten im Laufe ihres Lebens bis zu ihrem Tod im Jahr 1973 entstehen. Hinzu kamen Kurzgeschichten, Theaterstücke, Romanzen, ein Gedichtband und eine Autobiografie.

Spätestens seit den unzähligen Verfilmungen ihrer Geschichten mit Charakterschauspielern wie Margaret Rutherford oder David Suchet sind ihre Bücher unsterblich geworden. Die Britin gilt als die meistgelesene Schriftstellerin überhaupt. Nur die Bibel und Werke von William Shakespeare verkauften sich öfter als die der Christie.

Wie viele andere erfolgreiche britische Künstler wurde Agatha Christie 1971 von der Queen in den Adelsstand erhoben. Ihr guter Freund Peter Saunders beschrieb sie folgendermaßen: „Sie war so englisch wie der Buckingham Palast, das House of Commons und der Tower of London zusammen. Und sie war sicherlich der meist unvergessliche Charakter, den ich je getroffen habe.“

Um es zusammenzufassen: Agatha Christies gepflegte, englische Krimis sind die perfekte Begleitung durch gemütliche Abende. Brühe dir einen Earl Grey auf (natürlich mit einem kleinen Schuss Milch und Zitrone), kuschle dich gemütlich aufs Sofa, und lass dich von der Königin des Verbrechens in ihre wunderbar spannende und durchtriebene Welt entführen.

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Das Ensemble des St. Martin’s Theatre London bei der Aufführung der „Mausefalle“. St. Martin’s Theatre, Ambassadors Theatre + Mousetrap Productions.

 

Dieser Artikel erschien in Ausgabe VIII des Vintage Flaneur – der Zeitschrift für ein modernes Leben im Stil der 20er bis 50er.

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