Geheimnis eines Lebens: „Die rote Joan“ – ein Film nach einer wahren Geschichte

4. Juli 2019

Geheimnis eines Lebens – die Geschichte einer Frau, die die Welt in Zeiten des Krieges zu einem sicheren Ort machen wollte.

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Wie du sicher schon mitbekommen hast, liegt einer meiner Schwerpunkte auf historischen Verfilmungen. Gut recherchierte, authentische oder gar auf wahren Geschichten und Romanen beruhende Filme sind derzeit sehr beliebt, was ich ganz wunderbar finde.

Es ist eine sehr schöne, bewegende und auch ein wenig lehrreiche Möglichkeit, die vergangenen Epochen und deren Ereignisse nachzuvollziehen und aus verschiedenen Perspektiven neu zu beleuchten.

Immer mehr sind dabei auch die Schicksale einzelner Persönlichkeiten im Fokus, deren Leben und Taten ohne diese Verfilmungen oftmals in Vergessenheit geraten würden.

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Aus Geheimnis eines Lebens, ab 4. Juli im Kino. Joan auf dem Campus der Cambridge University, wo sie Physik studiert. Credits: Nick Wall. 

Der neue Kinofilm Geheimnis eines Lebens reiht sich perfekt in diese Riege bewegender Historienfilme ein. Von den 30er Jahren bis hinein ins Millennium – ein Film zwischen den Epochen des letzten Jahrhunderts, zwischen Kommunismus und Demokratie, zwischen Krieg und Frieden.

Die eindrucksvolle Judi Dench bringt den preisgekrönten Roman „Red Joan“ von Jennie Rooney auf die Leinwand – inspiriert von einer wahren Geschichte.

Die Nuklearphysikerin Joan Stanley – Verräterin oder Heldin?

London im Jahr 2000. Die Engländerin Joan Stanley (gespielt von der großartigen Judi Dench) führt ein glückliches, unaufgeregtes Rentnerdasein in ihrem kleinen, gemütlichen Vororthäuschen im Umland der britischen Hauptstadt.

Doch über den Verlauf einer einzigen Woche wird ihr Leben und das ihrer Familie zutiefst erschüttert. Denn der MI5 verhaftet die vermeintlich ganz normale Seniorin und wirft ihr vor, als Spionin für Russland tätig gewesen zu sein.

Joans Geschichte – Eine Frau zwischen Spionage und Kommunismus

Diese Vorwürfe führen uns Zuschauer zurück in die Vergangenheit – genauer gesagt ins Cambridge der 1930er Jahre. Wir schreiben das Jahr 1938. Joan (Sophie Cookson) studiert im Osten Englands Physik und verliebt sich in den Kommunisten Leo Galich (Tom Hughes), durch den sie die Welt in einem neuen Licht zu sehen beginnt.

Red Joan - Geheimnis eines Lebens (6) Cambridge

Joan gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten. Nuklearphysiker Max Davis (Stephen Campbell Moore).

Wenige Jahre später arbeitet sie während des Zweiten Weltkriegs für ein geheimes Nuklear-Forschungsprojekt. Joan erkennt, dass die Welt im Kräftemessen zwischen Ost und West kurz vor der gegenseitigen Zerstörung steht.

Infolgedessen beschließt die begabte Wissenschaftlerin – schockiert von der destruktiven Kraft der Atombombe – alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So wird sie zur Spionin.

Eine große Rolle in Geheimnis ihres Lebens spielt die Tatsache, dass Joan nicht aufgrund einer kommunistischen Ideologie geheime Unterlagen weitergibt – sondern unter dem Eindruck der Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Auch für mich als Zuschauerin war diese Szene sehr bewegend – ich könnte spüren, wie tief Joan die enormen Opferzahlen der verheerenden Angriffe trafen.

In diesem Moment schien ein massiver Umbruch in ihrem Denken vonstatten zu gehen. Als alte Dame darauf zurückblickend sagt sie, die Welt habe noch nie eine Zerstörung solchen Ausmaßes erlebt.

Joan möchte verhindern, dass sich Vergleichbares wiederholt. Ihre Überlegung ist folgende: Wenn alle Länder im Besitz der gleichen Geheimnisse sind, wäre das Leben weniger gefährlich.

„Das ist ein durchgängiges Thema in unserem Film: dass Frauen damals in den Hintergrund verbannt wurden, weswegen sie geradezu schattenhafte Existenzen führten, die es ihnen letztlich recht leicht machten, in Spionage oder Ähnliches involviert zu sein.“

Produzent David Parfitt

Bei ihrem Plan kommt ihr eines zugute: Da Joan eine Frau war, kam man überhaupt nicht auf die Idee, dass sie in ihrer Position eine Gefahr darstellen könnte.

Ich fand es beeindruckend zu beobachten, wie Joan von einer jungen Studentin – einer zurückhaltenden und schüchternen Frau – im Laufe des Films und ihrer Karriere als Forscherin zu einer selbstbewussten Wissenschaftlerin mit klaren Zielen und Ansichten heranwächst, was sich nicht nur in ihrem Verhalten, sondern auch wunderbar in der Wahl ihrer Kleidung widerspiegelt.

Als Zuschauerin konnte ich Zeugin werden, wie Joan lernt, ihre eigene Stimme zu entwickeln und zu dieser zu stehen. Das gibt ihrer Geschichte in meinen Augen ein Gefühl von Nahbarkeit und Realität.

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Oben: Sophie Cookson als junge Wissenschaftlerin Joan Stanley.

Unten: Judi Dench als betagte Joan im Verdacht des MI5.

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Erstmals beginnt Joan mit dem Weitergeben von Geheimnissen an die Russen, während sie als Sekretärin beim streng geheimen Tube Alloys Project arbeitet, wo an der möglichen Entwicklung einer Atombombe geforscht wird.

In der Zusammenarbeit mit ihrem Vorgesetzten erfährt Joan, worum es konkret geht – und dass die britischen Wissenschaftler unter Hochdruck an ihrer Forschung arbeiten, während die Deutschen unter Hitler das Gleiche tun.

Die Arbeit genau dieser Menschen verhindert, dass die Geschichte der Menschheit eine katastrophale Wendung nimmt.

Basierend auf einer wahren Geschichte – die spionierende Wissenschaftlerin Melita Norwood

Was diesen Film um eine weitere Ebene besonders werden lässt – Geheimnis eines Lebens basiert auf einer wahren Geschichte.

Der dem Film grundlegende Roman von Jennie Rooney erzählt zwar eine fiktive Geschichte, die allerdings inspiriert ist von der ebenso außergewöhnlichen wie kontroversen wahren Geschichte von Melita Norwood. Die Parallelen sind nicht zu übersehen. Die Britin wurde noch im Alter von über 80 Jahren angeklagt, heimlich für den KGB gearbeitet zu haben.

„Niemand im ruhigen Vorort Bexleyheath im Süden Londons ahnte, dass die nette alte Dame Melita Norwood, einmal eine der wichtigsten sowjetischen Spioninnen in Großbritannien war.“

Auszug aus Russia Beyond

Norwood war eine britische Wissenschaftlerin und Staatsbeamtin, die beruflich den Bau der Atombombe erforschte.

Was ihre Vorgesetzten nicht wussten – die junge Britin war seit den 30er Jahren Mitglied der kommunistischen Partei Großbritanniens. 1937 wurde die Wissenschaftlerin vom sowjetischen Geheimdienst angeworben. Und so begann ihre Geschichte als Spionin.

Ich kann es nur wärmstens empfehlen, mehr über das außergewöhnliche Leben der Melita Norwood zu erfahren. Beispielsweise durch diesen Artikel – Wie eine englische Agentin das britische Atomprogramm für den KGB ausspionierte.

Wie in Norwoods Geschichte ist es auch Joans Ziel, die Welt zu einem sicheren Ort zu machen.

Geheimnis eines Lebens – ab 4. Juli im Kino

Geheimnis eines Lebens ist ein ruhiger Film. Diese unaufgeregte Erzählweise empfand ich aufgrund der dramatischen Ereignisse als sehr angenehm. Eine solch bewegende Geschichte braucht keine Ausschmückungen, keine Action, keine aufgebauschte Story.

Der Film versucht, eine „grundsätzlich wahre Geschichte auf grundsätzlich wahre Weise“ zu erzählen. War Joans Handeln richtig? Die innere Zerrissenheit der jungen Frau zwischen der Pflicht gegenüber ihrem Land und dem Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit war auch für mich als Zuschauerin sehr bewegend. Und lässt mich mit der Frage zurück, was ich an ihrer Stelle getan hätte.

Ihre Geschichte erweckte Konflikte zum Leben – zwischen Patriotismus und Idealismus, Liebe und Pflicht, Mut und Verrat. Eine Frau, die ein Leben lang unterschätzt wurde und gleichzeitig den Lauf der Geschichte im Stillen verändert hat.

Geheimnis eines Lebens stellt diese Frage in der Hoffnung, dass jeder, der den Film sieht, über dieses Thema nachdenken und diskutieren wird. Melita Norwood selbst wurde übrigens letztendlich nicht verurteilt – und starb 2005 als freie Frau.

„Von besonderer Bedeutung ist dabei natürlich, dass Frauen in der damaligen Zeit immer unterschätzt und nicht ernst genommen wurden. Sowohl im Film als auch im Buch wird es klipp und klar ausgesprochen: Man wird uns nie verdächtigen, weil wir Frauen sind.“

Sophie Cookson

 

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