Ihre beste Stunde: Über das Kino und eine starke Filmemacherin im Zweiten Weltkrieg

28. Juni 2017

Geschichten können Leben retten. Das zeigt die zugleich humorvolle und tragische Erzählung Ihre beste Stunde über die Londoner Drehbuchautorin Catrin, deren herzerwärmender Film im Zweiten Weltkrieg der Bevölkerung Mut und Hoffnung geben soll. 

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London 1940. Catrin Cole (Gemma Arterton) braucht einen Job, um sich und ihren Mann, den Künstler Ellis Cole (Jack Huston), über Wasser zu halten. So bewirbt sie sich beim Informationsministerium. Die Filme des Ministeriums sollen Großbritannien in Kriegszeiten wieder Mut und Optimismus vermitteln.

Ihre beste Stunde – über den Film und dessen Ursprung

Ihre beste Stunde thematisiert die enorme Bedeutung des Kinofilms zu Zeiten des Krieges. Wer nicht an der Front im Einsatz ist und in der Heimat bleibt – zumeist Frauen, Kinder und Senioren – braucht unbedingt etwas Positives in seinem Leben, an das man sich klammern, mit dem man sich identifizieren kann.

„Kinos hatten damals etwas unglaublich Hypnotisches an sich. Sie bedeuteten den Menschen so viel, weil es einen großen Informationsmangel gab.” Produzent Stephen Woolley.

Es wird zu Catrins Aufgabe als Autorin, einem der Film-Drehbücher des Informationsministeriums eine “weiblichere Note” zu verleihen. Sie soll für Propagandafilme Dialoge schreiben, die Frauen besser erreichen und ansprechen, welche aber von Catrins männlichen Koautoren herablassend abgetan werden. Ihre Filme sollen die weiblichen Arbeitskräfte, deren Zahl ständig wächst, mit Herz und Fantasie motivieren.

Ihre beste Stunde

Drehbuchautorin Catrin vor dem Plakat des Filmes, den sie gemeinsam mit Kollege Tom Buckley (Sam Claflin) umsetzt. Bildquellen: Concorde Filmverleih.

Der Ursprung des Films liegt in Lissa Evan’s 2009 erschienenem Roman “Their finest hour and a half”, weswegen die englische Version der Verfilmung auch “Their Finest” genannt wurde. Auch wenn das Werk im Jahr seiner Veröffentlichung für den Orange Prize Fiction, einen der renommiertesten Literaturpreise Großbritanniens nominiert war, blieb er lange recht unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung.

Durch Zufall verliebten sich gleich zwei unabhängig voneinander arbeitende Produzenten, Amanda Posey und Stephen Woolley, in den Roman – und so entstand deren Zusammenarbeit am Film.

„Der Roman war unglaublich tiefgründig, besaß ausgeprägten Detailreichtum. Das Buch beleuchtete einen Abschnitt in der britischen Filmgeschichte, der zuvor selten erörtert und auf die Leinwand gebracht worden war.” Produzentin Amanda Pose.

Catrin Cole – Die Protagonistin der Geschichte

Hauptfigur ist Catrin Cole – eine starke Frau, die sich im Laufe des Films über alle Skeptiker hinwegsetzt. Sie soll eine geeignete Story für eine faszinierende, patriotische Erzählung ausfindig machen und diese in ein Drehbuch verwandeln.

„Dieses Zeitporträt entfaltete der Roman im Kontext der Geschichte einer jungen Frau, die ihre Talente als Autorin entwickelt und viel über das Leben und die Liebe lernt – und zwar durch diesen gemeinschaftlichen kreativen Prozess des Schreibens und Filmemachens.“ Amanda Posey, Produzentin.

Ihre beste Stunde Drehbuchautorin Catrin
Bei ihren Recherchen trifft Catrin auf die Geschichte der Zwillingsschwestern Lily und Rose, die im klapprigen alten Boot ihres betrunkenen Vaters in See stachen, um bei der Evakuierung von mutigen, verwundeten Soldaten nach der Schlacht von Dünkirchen zu helfen. Während sie völlig eintaucht in das Schreiben dieser ergreifenden Geschichte, beginnt sie parallel dazu ihre eigene.

Historische Inspiration für die Hauptfigur waren Autorinnen wie Diana Morgan (1908-1996). Diana stammte aus Wales und wurde von den Ealing Studios engagiert, für die Frauenfiguren in den von Männern dominierten Filmen die “Ekel”- und “Kitsch – Passagen” zu schreiben.

In den 40er Jahren gingen etwa 30 Millionen Briten jede Woche ins Kino. Die Mehrheit von ihnen waren Frauen. Schon bald entstanden immer mehr Filme mit stärkerer weiblicher Perspektive. So durften die Frauen bald nicht nur Dialoge, sondern auch anderes für die Filmproduktionen schreiben.

Catrin ist eine warmherzige und sympathische Frau, mit der sich die Zuschauer sofort identifizieren können. Darstellerin Gemma Arterton ist es wunderbar gelungen, die Menschlichkeit und Authentizität der Figur auf der Leinwand wiederzugeben. Der Film beschreibt die Entwicklung Catrins zu einer durchsetzungsfähigen, gefestigten Frau, die mit Hilfe ihres neuen Jobs als Drehbuchautorin über das Leben lernt und ihren dortigen Platz zu finden vermag.

Ihre beste Stunde

Der britische Film im Zweiten Weltkrieg

Die Wurzeln des britischen Films, wie wir ihn heute kennen, liegen in den 1940er Jahren. Ein Thema, das Produzent Stephen Woolley schon lange beschäftigte und welches er nun endlich in diesem Filmprojekt umsetzen konnte. Besonders Propagandafilme prägten das Kino zu Kriegszeiten.

Glanz und Glamour das alten Hollywoods waren zu weit von der Realität der Kriegszeit entfernt. So hatten britische Filmemacher den Anspruch, die Welt angemessen widerzuspiegeln und zugleich eine gesellschaftlichen Verantwortung zu übernehmen.

Es wurden reale Geschichten erzählt. Geschichten über “unsichtbare Menschen”. Und Geschichten mit immer stärkerer weiblicher Perspektive. Durch das Kino kann man die Menschen erreichen, eine Ablenkung zum harten Alltag darstellen und Optimismus verbreiten. Die Zuschauer waren wählerisch, sie verlangten Realismus und Wirklichkeitsbezug.

„Und genau das ist so interessant an den neuen jungen Filmemachern. Wie etwa Michael Powell und Emeric Pressburger, David Lean oder Carol Reed”, beschreibt Woolley. All diese Künstler drehten Filme über ganz normale Menschen, da deren Leben plötzlich aufregend, gefährlich und voller, oft auch tragischer Konsequenzen war, so Woolley. Das Publikum sehnte sich eben nicht mehr nach farbenprächtigen Filmbiografien über bedeutende Monarchen und nach historischer Schönfärberei in der Darstellung der Großartigkeit des Britischen Weltreichs.

Das britische Kino ließ Amerika und die übrige freie Welt (vor allem in den frühen Filmen) wissen, dass Großbritannien noch quicklebendig war. Dem Kino fiel eine tragende Rolle zu, um in dieser düsteren, trostlosen Zeit die Menschen auf andere Gedanken zu bringen und sie aufzubauen.

Ihre beste Stunde Drehbuchautorin Catrin

Was all diese Filme außerdem miteinander verbindet, ist der Humor. Trotz ihrer dramatischen Situation haben die Menschen sind nicht unterkriegen lassen. Die Filme gaben der von Problemen überlasteten Bevölkerung Informationen und Hoffnung.

Aus diesem Grund lag es Drehbuchautorin Gaby Chiappe bei der Verfilmung von “ Ihre beste Stunde ” besonders am Herzen, diese Zeit, in der das Kino eine weitaus größere Macht hatte, als es heute noch vorstellbar ist, authentisch widerzuspiegeln.

Ab dem 6.7. ist Ihre beste Stunde in den deutschen Kinos zu sehen. Ein Film voller Geschichte, Authentizität, Hoffnung, eine Mischung aus Humor und Tragödie. Er schaut aus einem neuen Blickwinkel auf das Leben im Zweiten Weltkrieg – einem Blickwinkel, der zeigt, wie mit Hilfe des Kinos auch in den schwersten Momenten Gemeinschaftsgefühl, Humor und Optimismus in den Menschen geschürt werden kann. 



Weitere Film- und Literaturempfehlungen:

Jede wirkliche Geschichte ist eine Unendliche Geschichte – ein Liebesbrief an Endes Bücher
Allied – Vertraute Fremde: Großes Hollywood Kino im Stil der 40er Jahre
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