Plauener Spitze: Zarte Eleganz und jahrhundertealte Tradition

5. Juni 2015

In den Tiefen des Vogtlandes seit Jahrhunderten bis heute eines der traditionsreichsten, beliebtesten und weltweit bekanntesten deutschen Produkte hergestellt: Die Plauener Spitze.

Plauener Spitze

Zauberhafter Schmuck aus Plauener Spitze von Frieda & Elly – die Kette „Iris“. Headpiece: Seegang Berlin* Kleid: Mademoiselle Tambour* , Dress Lauryn, S/S15. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Plauener Spitze

Sie steht unvergleichbar für Qualität, Zartheit, Eleganz und immer auch ein kleines Bisschen Luxus. Grund genug, einmal tiefer in die Welt der zauberhaften Spitze einzutauchen, ihre wechselvolle Geschichte zu ergründen und zu entdecken, was für kleine Schätze aus diesem vielfältigen Produkt entstehen.

Dafür habe ich mich mit Manja getroffen. Die sympathische Leipzigerin liebt nicht nur den Vintage Stil und führt eine wunderbare Boutique für Retro Kleider. Zusammen mit ihrem Partner Andreas, der in Familientradition die Firma „Modespitze Plauen“ leitet, hat sie eine neue Geschäftsidee entwickelt. Mit einer neuen Idee entstauben sie den Namen der Plauener Spitze und hauchen ihr neues Leben ein.

Was Manja mir alles Spannendes über ihr Leben mit der Spitze erzählt hat, könnt ihr hier erfahren.

Ein Blick in die jahrhundertealte Tradition

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde die maschinengestickte Tüllspitze in Plauen erfunden. Diese Entwicklung legte den Grundstein für Plauen als Zentrum der Spitzen- und Stickereiindustrie.

Der Urgroßvater von Manjas Partner begann vor über 100 Jahren Plauener Spitze zu produzieren. Schon bald stiegen seine beiden Töchter Frieda und Elly (die Namensgeberinnen der heutigen Accessoire-Kollektion) in das Unternehmen ein. Sie ergänzten sich wunderbar, da eine der kreative Part war, die andere der beiden schätzte die Arbeit im Büro. Die Firma galt als stilprägend in ihrer Stadt.

Generation für Generation wurde das Familienunternehmen unter liebevoller Hand geführt. Vor genau 55 Jahren trat eine große Veränderung ein: Die Firma beugte sich dem zunehmenden Zwang, ihren privat geführten Betrieb in der DDR einer Produktionsgenossenschaft anzuschließen.

In der PGH mussten sie sich mit anderen Handwerkern und Gewerbetreibenden die Produktionsmittel teilen. Der damals neu entstandene Name „Modespitze“ sollte bis heute Bestand haben. In den 90er Jahren schaffte es die Familie als eine der wenigen in Plauen, das Unternehmen zu reprivatisieren.

So ist die „Modespitze Plauen“ eine der ältesten Firmen, in der mittlerweile in der vierten Generation mit viel Hingabe das Traditionsprodukt gefertigt wird.

Plauener Spitze

 Eines der zarten Spitzenmuster von Modespitze Plauen wird zur Kette „Iris“ verarbeitet. Headpiece von Seegang Berlin*, Dress Lauryn von Mademoiselle Tambour*. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Plauen als Synonym für Spitze

Bis in die 20er Jahre dauerten die Hochzeiten der Spitzenherstellung an. Viele Lohnsticker arbeiteten mit einer Stickmaschine von zu Hause aus, auch viele kleinere Unternehmen siedelten sich in der Stadt an.

Zählt man Designer, Sticker und Unternehmer zusammen, so gab es damals etwa 3000 Hersteller von Plauener Spitze. Eine nahezu unvorstellbare Summe, die zeigt, wie beliebt und begehrt das Produkt einst war.

Plauener Spitze

VEB Damenkonfektion Plauen, 1956. Bundesarchiv,  Schlegel, via Wikimedia Commons.

Plauen galt als eine der 25 größten Städte Deutschlands. Die ganze Stadt lebte die Spitze. So ist es nicht verwunderlich, dass dort um die 20er Jahre auch viele Millionäre ihr zu Hause fanden. Die Weltkriege setzten der erfolgreichen Produktion jedoch tragischerweise einen enormen Dämpfer entgegen.

Plauener Spitze

Plauener Spitze auf einer Briefmarke der DDR, 1966. Nightflyer, via Wikimedia Commons.

Wie wird Plauener Spitze hergestellt?

„Das Besondere an Plauener Spitze ist ihre Dreidimensionalität“, erklärt mir Manja begeistert. Sie wird auf 10-15 Meter langen Maschinen gestickt. Gestickt wird auf einen Grund, der nach der Bestickung wieder herausgelöst wird, so dass nur Spitze verbleibt. Eine weitere Variante ist es, die Spitze auf Tüll zu sticken. Immer und immer wieder wird die Nadel dabei in den Trägerstoff getaucht, und so entsteht eine erhabene Oberfläche.

Diese Produktionstechniken haben übrigens bei der Pariser Weltausstellung 1900 Preise für ihre innovative Methode gewonnen. Auch heute wird noch auf diese Weise wie vor 100 Jahren produziert. Natürlich sind die Maschinen überarbeitet und etwas schneller, aber das Grundprinzip ist dasselbe.

Auch Handarbeit ist dabei noch sehr bedeutend. Schadstellen werden manuell beseitigt und auch das Zusammenfügen einzelner Teile läuft mit einer Wickeltechnik per Hand, um beispielsweise eine große Tischdecke zu fertigen. In der Firma der Modespitze Plauen sind noch 12 Mitarbeiter tätig.

Plauener Spitze

Stickmaschine mit einer Arbeitsbreite von zwei Mal 13 Metern. Bundesarchiv,Wolfgang Thieme, via Wikimedia Commons.

Durch ihre aufwendige Herstellung sind die Stücke sehr robust. Was natürlich eine weitere Besonderheit der Plauener Spitze ausmacht, ist ihre lange Tradition. Es ist bewundernswert, wenn Unternehmen es geschafft haben, solch massive Ereignisse wie Weltkriege zu überdauern und sich immer dem Zeitgeist anzupassen.

Die Tatsache, dass von den einst über 3000 Firmen in der Branche bis heute nur rund 1% überlebt haben, ist trauriger Beweis dafür, wie sehr die Unternehmen unter den historischen Begebenheiten litten.

Plauener Spitze

Tolles Beispiel für den Navy Stil – mit „Audrey“ – Retro Schmuck aus Plauener Spitze. Headpiece: Seegang Berlin*. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Weltweite Liebe zur Spitze

Ich bin total beeindruckt, als Manja mir erzählt, wie beliebt die Plauener Spitze auch international ist. Auf ihrem Blog „Modespitze“ schrieb sie kürzlich einen interessanten Artikel über die Nutzung der Produkte in Nigeria. Dort wird sie besonders farbenfroh getragen – mit afrikanischen Mustern, Blütenmotiven oder geometrischen Formen. Die Farbenpracht dieser Stoffe ist absolut bezaubernd.

Nicht nur in Afrika wird Plauener Spitze geschätzt. Auch in Japan und den USA befindet sich ein großer Markt. Das Siegel „Made in Germany“ steht für viele Länder für Qualität, Tradition und hochwertige Verarbeitung – Eigenschaften, die dieses Produkt eben ganz besonders verkörpert. Bis vor der Rubelkrise war auch Russland ein großer Abnehmer.

Plauener Spitze

Ein tolles Beispiel für die Blütenpracht der Plauener Spitze: „Kette Roxana“. Dazu Headpiece von Seegang Berlin*, Kennedy Dress von Mademoiselle Tambour*. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Plauener Spitze modern? – „Frieda & Elly“

Was kommt dir in den Sinn, wenn du an Plauener Spitze denkst? Ganz traditionell meist Omas Tischdecken, Untersetzer oder ihre geliebten, gehegten und gepflegten Gardinen? Das ist jedoch nur einer von vielen Bereichen, in denen das Produkt eingesetzt wird. Schauen wir doch mal über den Tellerrand.

Ein ganz klassischer Nutzen ist zum Beispiel hochwertige Unterwäsche. So wird direkt mit Designern zusammengearbeitet, um für diese umwerfende Stoffe zu entwickeln.

Außerdem haben sich Manja und ihr Partner einen ganz neuen Bereich einfallen lassen, in dem sie ihren Produkten neues Leben einhauchen. Mit ihrem jungen Schmucklabel „Frieda & Elly“ haben sie das altbackene Image der Spitze entstaubt.

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Das Collier „Greta“ ist ein tolles Beispiel dafür, wie jung und frisch Frieda & Elly die Spitze wirken lässt. Kleid: Mademoiselle Tambour*, Dallas Club Dress, S/S15. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Frieda & Elly wurde vor knapp zwei Jahren gegründet. Seither haben Manja und ihr Partner Andreas zahlreiche Accessoires wie Ketten, Ohrringe oder Schals entwickelt – alle gefertigt aus original Plauener Spitze. Manja meint, dass viele junge Leute diese Produkte wirklich schön finden, sich aber nicht trauen, diese zu tragen.

Mit ihren Stücken versucht sie nun, die jüngeren Generationen langsam an die Welt der altehrwürdigen Spitze heranzuführen. So spricht sie nicht nur Liebhaber der Vintage Mode oder die Gothic Szene an, sondern eben auch die „normalen“ Leute.

Wie trägt Frau klassische Spitze?

Wichtig ist auf jeden Fall: Weniger ist mehr. Zu viele Elemente oder mehrere, unterschiedliche Muster wirken überladen. Wenn ein Kleidungsstück bereits ein Blickfang ist, sollte sich der Spitzenschmuck eher zurückhalten. Deshalb funktioniert es umgekehrt am besten: Spitze wertet alles, was man trägt, auf! So passt sie wunderbar zu einem einfachen Shirt oder einem schlichten Kleid.

Plauener Spitze

Perfektes Beispiel für Frieda & Elly – „Audrey“ – zarte Spitzenelemente in Kombination. Headpiece: Seegang Berlin*. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Früher wurde Spitze übrigens in nahezu jedem Kleidungsstück verarbeitet. In den Köpfen hängengeblieben sind meist die luxuriösen Abendkleider. Kommt deshalb vielleicht die Angst, damit gleich zu chic zu wirken? Die Kollektion von Frieda & Elly ist jedenfalls sehr alltagstauglich entworfen, strapazierfähig ebenfalls. Die Teile wirken zart, machen aber so einiges mit.

Manja und Andreas haben noch viele Pläne für ihr junges Unternehmen. So wollen sie zum Beispiel eine Modestrecke aufbauen, und ein Kleid mit Spitze entwerfen. Ganz dezent, sodass sie ihre Kunden langsam an das Material heranführen können und dieses auch erschwinglich bleibt. Ich bin so gespannt, wie das Kleid aussehen wird!

Ein Spitzen-Blog mit viel Liebe

Vor Kurzem rief Manja übrigens ihren Blog „Modespitze“ ins Leben. Dort gewährt sie ihren Lesern spannende Einblicke hinter die Kulissen der Spitzenwelt, blickt in andere Kulturen und arbeitet, mit wunderbaren Bildern, die Geschichte der Traditionsfirma auf. Eine wirklich empfehlenswerte Seite!

Plauener Spitze

Ich hätte noch ewig mit Manja über die zauberhafte und unternehmerisch auch nicht immer einfache Spitzenwelt unterhalten können. Man merkt, wie sie durch und durch ihre Arbeit liebt und mit voller Leidenschaft dieser nachgeht. Es ist eben eine Art Selbstverwirklichung.

Vielen lieben Dank für das wunderbare Gespräch! Ich wünsche beiden weiterhin viel Erfolg mit ihrem Herzensstück.

Plauener Spitze

Die Kette“Iris“ – mein heimlicher Liebling der Kollektion. Headpiece: Seegang Berlin*. Kleid: Mademoiselle Tambour*, Dress Lauryn, S/S15. Foto: Lilou – Galerie des Lebens.

Wenn du noch mehr in die Plauener Spitze eintauchen magst, empfehle ich dir Manjas Blog „Modespitze“: Modespitze.de/Blog. Hier findest du Frieda & Elly: frieda-elly.com.

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1 Kommentar

  • Antworten Plauener Spitze - Eine Entdeckungsreise - Modespitze Blog 30. Juni 2015 at 13:55

    […] wer noch mehr über Plauener Spitze erfahren möchte, dem empfehlen wir den Blogbeitrag: Plauener Spitze: zarte Eleganz und jahrhundertealte Tradition vom […]

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