Über retro Mode, Motivation und Individualität – Interview mit Revival Retro Gründerin Rowena

7. Dezember 2017

Ein beeindruckendes Interview mit Revival Retro Gründerin Rowena über retro Mode, Individualität, Motivation und ihr Leben als Geschäftsfrau in London.

The English post you find here: „On Retro Fashion, Motivation and Individuality: Interview with Revival Retro founder Rowena“. 

Wie du bereits weißt, liebe ich es, über inspirierende und starke Frauen zu schreiben. Frauen, die die Welt erobern mit ihren eigenen, unabhängigen Unternehmen, Ideen, Designs und Talenten. In meinem letzten Interview zum Thema sprach ich diesen Sommer mit Angelique von Topvintage.

Eine weitere Frau, die ich in ihrer positiven Art, ihrer endlosen Kraft und Liebe für ihren Beruf sehr inspirierend finde, ist Rowena Howie – die Gründerin der Revival Retro Boutique in London. Ich habe ihren Laden bereits im letzten Jahr besucht, nahm an einem ihrer tollen Blogger Events teil und hatte ein Fotoshooting für ihren Online Shop, über das ich in meinem Beitrag „Shooting Tag in London“ berichtet habe.

„Ich sehe es nicht als Verkaufen von Kleidung oder das Führen eines Ladens. Für mir geht es darum, Frauen zu helfen, sich selbstbewusst und glücklich zu fühlen in dem, wer und was sie sind.“ Rowena.

Ich hatte das große Glück, auch in diesem Jahr wieder bei Rowena eingeladen zu sein und zwei Tage in ihrer Boutique zu verbringen. Ich habe mit ihr im folgenden Interview über ihr Leben als Business-Frau gesprochen, wie es ist, in London und nach dem Brexit ein kleines Unternehmen zu führen, über ihr neues Label und wie sie es schafft, immer so positiv und motiviert zu bleiben.

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Die Vintage Models Greta Gardner, Acid Doll und Nora Finds vor der Revival Retro Boutique, alle tragen retro Mode aus dem Laden.

Die Bilder in diesem Beitrag entstanden einerseits an einem weiteren aufregenden Shooting Tag im September für den Online Shop der Boutique, andererseits auch bei einem neuen Bloggertreffen, an dem ich beeindruckende Vintage Ladies treffen konnte.

Dabei waren Wilhelmina Af Fera, Nora Finds und Greta Gardner, Hettiesky, Sandy Doll, Misa Gasi und Miss Lillian Love und natürlich die äußerst sympathischen Verkäuferinnen des Ladens – Sarah und Lottie.

Liebe Rowena, wie begann die Geschichte von Revival Retro? War es zu Anfang ein ein-Frauen-Betrieb? Und was hast du vor der Gründung gemacht?

Ich habe zuvor in der Reiseindustrie gearbeitet und war dabei bei verschiedenen Firmen tätig, wobei ich mich auf Trips zwischen Asien und Europa spezialisiert habe.

Ich arbeitete für das australische Headquarter. Als es Zeit war, nach Hause zu kommen, reiste ich zuerst mit dem Flieger nach Bangkok und von dort aus weiter per Zug, Van, Jeep, Esel, Pferd, Boot und sogar zu Fuß zurück nach London. So kann ich sagen, dass ich großes Glück hatte, weit entfernte Länder wie die Mongolei, Kirgisistan oder den Hindukush besucht zu haben.

Mit Revival Retro fing es an, weil ich in London das Swing-Tanzen für mich entdeckt habe. Es war anfangs kein fester Laden – es war nur ich, wie ich Tanzschuhe an Freunde und Interessenten bei Tanzkursen verkauft habe. Ich lagerte all die Ware in meinem Schlafzimmer, und nebenbei ging ich noch normal zur Arbeit.

Als ich für viele die Anlaufstelle für Schuhe wurde, fragten mich die Leute nach Kleidung, in der sie tanzen können. Die Vintage Szene war in London damals schon groß, aber originale Vintage Mode ist oftmals zu fragil, um darin zu tanzen, und außerdem war sie damals schwer zu finden.

Retro Mode, sogenannte „Reproduktionen“ oder „vintage inspirierte“ Kleidung, war zu meinen Anfängen nicht sehr gängig, so habe ich zu der Zeit einen Großteil meiner Ware aus den USA importiert.

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Die Bilder entstanden bei meinem Shooting für Rowenas Shop vor dem British Museum in London – Rowena wünschte sich eine „typisch britische“ Szenerie. Es war gar nicht so leicht, dem Security-Personal ein Schnippchen zu schlagen. :))

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Du hast immer solch eine positive, optimistische und fröhliche Art an dir! Was ist das Geheimnis deiner beeindruckenden Einstellung? Wie sehr hast du bei der Gründung an deiner Idee gezweifelt? Und wie konntest du diese Zweifel überwinden?

Nun zuerst – dankeschön! Oftmals fühle ich mich gar nicht so.

Ich bin vermutlich so eingestellt, weil ich wirklich an das glaube, was ich tue. Ich sehe es nicht als Verkaufen von Kleidung oder das Führen eines Shops. Für mir geht es darum, Frauen zu helfen, sich selbstbewusst und glücklich zu fühlen in dem, wer und was sie sind.

Auch wenn ich an dieses Ziel glaube, bin ich jeden Tag zerfressen von Sorgen und Zweifeln. Ein Business zu führen ist wirklich schwer. Ich sorge mich um die Mieten in London, technische Aspekte der Website, die Papierarbeit und Verwaltung, die Ausbildung der Mitarbeiterinnen, die E-Mails, die ich noch nicht beantwortet habe, die Liste der Dinge, die ich noch nicht erledigt habe…Brexit, Umrechnungszahlen, die Zukunft der High Street.

Manchmal scheint mir der Druck meiner Arbeit kaum ertragbar zu sein. Dann laufe ich durch den Shop und sehe, wie eine Kundin etwas anprobiert, worin sie umwerfend aussieht – und wie sie gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin scherzt und lacht.

Das erinnert mich daran, dass es all die viele Arbeit wert ist.

retro fashionAlle von uns Vintage Ladies bei dem Versuch, in ein Selfie zu passsen. Wir tragen natürlich Revival Retro. 

Was ist das Besondere daran, ein Geschäft in London oder auch UK zu führen? 

Ob es nun London ist, UK, oder irgendwo anders in der Welt – was wirklich zählt ist ein physischer Laden, und nicht nur ein Online Shop. Mit einem Online Shop lernt man seine Kunden nicht kennen, baut nicht diese spezielle Verbindung auf. Wir könnten unsere Expertise oder eine helfende Hand nicht in dieser Art anbieten, wie wir es tun, und das macht den großen Unterschied.

Da wir beim Thema sind – London ist besonders. Es gibt keinen Ort wie London, und ich war an vielen Orten auf der Welt. London ist so multikulturell, hier gibt es Einheimische sowie Besucher, Menschen aus jeder sozialen Schicht.

Diese Diversität macht es so interessant, ganz besonders, da wir in einem Geschäft sind, in dem wir Menschen helfen, sich selbst auszudrücken und ihren eigenen Stil zu finden.

retro fashionRowena am Morgen des Blogger-Events, wie sie all ihre Besucherinnen begrüßt. Sie trägt ein 40er Jahre inspiriertes Ensemble, das sie selbst entworfen hat. 

Mode ist global, man sieht dieselben Ketten und Läden in jeder Stadt. Doch Menschen, die kleine Boutiquen mit einzigartigen Stücken suchen, um sich individuell zu kleiden – diese sind die spannenden Menschen und auch die besten Kunden.

Deswegen ist es toll, einen Laden zu haben – wir hören die Geschichten der Menschen, wer sie sind, warum sie etwas suchen und was es ihnen bedeutet.

Du führst deinen Laden seit mittlerweile sieben Jahren. Du hast einen internationalen Online Shop, wurdest letztes Jahr in die Downing Street eingeladen und konntest mit deinem Geschäft auch schon einige Preise gewinnen. Was denkst du ist das Rezept deines Erfolges?

Ich denke, der Erfolg kann mit Respekt erklärt werden. Die Menschen merken, dass wir uns Gedanken machen, dass wir echt und leidenschaftlich sind. Das bin nicht nur ich, unser ganzes Team ist so. Es ist egal, ob retro Mode nicht dein Ding ist, es ist egal, ob du es dir nicht leisten kannst, zu shoppen, es ist egal, ob du nicht in der Nähe wohnst – du kannst sehen, was wir tun und warum wir es tun.

Man merkt, dass wir es lieben. Ich denke, die Menschen bewundern und respektieren das – selbst wenn das, was wir verkaufen, nicht ihr Ding ist.

Derzeit entwickelst du für Revival Retro deine eigene Modemarke, was für ein großer Schritt! Wie bist du zu dem Entschluss gekommen, und worum dreht es sich bei deinen Kleidungsstücken?

Wir verkaufen einige der besten Marken aus der ganzen Welt. Doch diese sind immer unter Druck, Kleidung so günstig wie möglich zu machen – die Kunden verlangen das so. Wenn ein Stück nicht ökonomisch oder leicht herzustellen ist, kann es gar nicht produziert werden.

Je mehr wir jedoch mit unseren Kunden im Laden sprechen, desto mehr merken wir, dass sie nach Qualität für ihr Geld suchen und nicht nach billiger Mode. Das gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu kreieren, die anderswo nicht gemacht werden – oder sogar bessere Kleidung herzustellen als die, die sonst zu billig produziert wird.

Ein schönerer Stoff, eine bessere Passform, ein ungewöhnlicher Style – wir werden von dem inspiriert, was unsere Kunden sich wünschen, aber nirgendwo finden.

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Dieses ist das erste Ensemble, das Rowena kreiert hat. Du findest ihre Mode auf der Website. Für ein typisch britisches Shooting hat es natürlich auch geregnet!

retro fashionMit diesen Gedanken im Hinterkopf, begleitet von der Bindung, die wir zu unseren Kunden haben, bekomme ich das Selbstbewusstsein, das Thema in Angriff zu nehmen. Zu verstehen was unsere Kunden schätzen ist der Antrieb für das, was wir produzieren, auch wann und wie.

Ich schätze Beziehungen und Menschen. So war es für mich wichtig, in das Design und den Herstellungsprozess eingebunden zu sein. Aus diesem Grund lasse ich gerade alles hier in London produzieren; ich lerne die Leute kennen, die meine Mode herstellen und gleichzeitig diejenigen, die sie später kaufen. Wir unterhalten uns, wir lernen und machen manches beim nächsten Mal eben besser!

Denkst du es gibt einen Widerspruch darin, dass du eine erfolgreiche Unternehmerin bist und gleichzeitig Mode aus einer Zeit verkaufst, in der Frauen keine eigenen Geschäfte führen oder unabhängig entscheiden durften? 

Nein, das sehe ich nicht so. Bei Revival Retro geht es nicht darum die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen – es geht darum, aus ihr zu lernen.

Die Mode, die wir jeden Tag tragen, gibt uns das Selbstbewusstsein, uns der Welt zu präsentieren. Sie hilft uns, unser komplexes Inneres auszudrücken, das aus hunderten und tausenden Ideen und Eindrücken entsteht (es sei denn, man versucht krampfhaft, jemandes Look zu kopieren – was ich nicht empfehlen würde).

Ich werde inspiriert von Chanel und Schiaparelli, ich werde ermutigt von den Pankhursts, ich versuche anders zu sein – danke Frau Dietrich! Ich bin hier, weil sich eine Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg in einen verwundeten Soldaten verliebte, den sie gesund pflegte.

Ich bin trotz allem keine erfolgreiche Unternehmerin nur dank dieser Frauen. Ich kleide mich nicht nach ihrem Jahrzehnt oder lebe so, wie sie es taten. Ich bestreite nicht die Entbehrungen, die unser Geschlecht in der Geschichte erleben musste, und auch nicht diejenigen, mit denen Frauen heute kämpfen. Ich denke, jeder von uns steht jeden Tag vor der Herausforderung, herauszufinden wer wir sind, wer wir sein wollen, was wir verändern wollen.

Um unseren Sinn in der Welt zu finden, um zu verstehen, was wir tragen, was wir tun und sagen, sollten wir auch auf die Errungenschaften und Fehler der Vergangenheit blicken, und noch mehr auf die Zukunft, die wir kreieren wollen.

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Oben siehst du Acid Doll, wie sie einen der wunderschönen Schuhe des Ladens anprobiert. Unten helfen mir Nora Finds und Verkäuferin Sarah, ein schönes Paar 40s Pants zu finden.

Wie ich die Teddy Girl Frisur gemacht habe, zeige ich in meinem Beitrag zum 50er Jahre Styling.

retro fashionWelche Botschaft möchtest du deinen weiblichen Kundinnen vermitteln – besonders in Bezug auf Mode, Selbstbewusstsein oder Stilgefühl?

Für mich ist Mode, die gerade angesagt ist, massenproduzierte Ware, die einfach kopiert werden kann. Sie wird so lange abgekupfert, bis sie nicht mehr beliebt ist, daraufhin kommt ein neuer Trend und so weiter.

Im Gegensatz dazu kann Stil nicht kopiert werden. Er entwickelt sich, ändert sich, kann auf verschiedene Arten interpretiert werden. Er ist nicht zwangsweise einzigartig, aber er ist individuell.

Das eine ist nicht besser als das andere – beides hat seine Vorteile. Der höhere Wert lässt sich jedoch in einem bestimmten Stil finden – denn man erkennt selbst seine Bedeutung, anstatt ihn sich aufzwingen zu lassen. Es ist wahnsinnig kostbar, diese Art von Stärke auszuüben. Es beeinflusst die Selbstwahrnehmung und -akzeptanz. Der eigene Stil hilft dabei, sich selbst zu entdecken, sich zu verändern und darin, sein Selbstbewusstsein zu stärken.

In der eigenen Jugend sind Mode und Trends besonders reizvoll. Vintage ist mittlerweile auch ein Trend der Modeindustrie, aus dem ebenso viele Menschen mit der Zeit wieder herauswachsen.

Der einfache Fakt ist: es ist wichtig, mit Mode und Styles zu spielen, um seinen eigenen Stil zu entwickeln – es ist ein nicht endender Prozess. Im Laufe unseres Lebens verändern sich unsere Körper, unsere Lebensumstände, unsere Perspektive. Wir wandeln uns tagtäglich und so eben auch unser Stil. Und das ist auch okay.

Revival Retro ist für einen Modeladen sehr unüblich, da es ein breites Spektrum an Alter, Hintergrund, Wohlstand, Interessen und Motivation abdeckt. Bei Revival bieten wir Vintage inspirierte retro Mode, die klassisch und elegant ist, sodass sie in den persönlichen vintage Look oder individuellen Stil einer Person passen kann.

Unsere Kunden sind nicht eindimensional, und Revival ist es auch nicht.

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Hier trage ich meine damals liebsten Look von Revival – ein Cowboy-inspiriertes 40er Jahre Outfit mit bequemen Hosen, Hosenträgern, einer schönen Bluse und einem handgemachten Hut von Atelier Millinery.

Unten schwatze ich mit Rowena und Sandy Doll. 

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Zum Schluss möchte ich natürlich auch etwas über deinen persönlichen Stil wissen. Was ist die Kleidung, in der du dich besonders selbstbewusst und schön fühlst? 

Ich bin keine leichtfertige Shopperin, ich kann stundenlang in Läden gehen, ohne etwas zu kaufen. Dann läuft mir etwas über den Weg und ich weiß ganz genau, das bin ich und das muss ich haben. Solch ein Stück trage ich dann auch sehr oft. Ich kaufe dann auch mehre Modelle von einer Sorte, da es vielleicht Monate dauern könnte, bis ich wieder ein perfektes Teil finde!

Ich bin gerne „well put together„. Das heißt, ich entwickle meine Garderobe mit der Zeit und bei jedem Outfit, das ich trage, kann es sein, dass ich ein Teil davon vor wenigen Wochen gekauft habe, das andere wiederum vor zehn Jahren. Wenn ich die Abendkleider weglasse, dann ist meine Garderobe eigentlich recht übersichtlich. Sie besteht aus ein paar Lieblingsstücken, die ich immer miteinander kombiniere und sehr oft trage.

Ich bin nicht so gut in Sachen Haare und Make Up. Ich lasse lieber meine Kleidung sprechen.

Was – außerhalb der Business Welt – macht dich persönlich glücklich? 

Kleine Freuden. Ein schöner Ausblick, die Gesellschaft von Freunden, eine richtig gute Tasse Kaffee, Sonnenschein in meinem Gesicht.

Was für eine beeindruckende, inspirierende Frau. Vielen Dank Rowena für dieses tolle Interview. Ich empfehle jeder Dame, die mal in London ist, unbedingt in dieser großartigen Boutique vorbeizuschauen.

Ich kann dir versprechen, dass du mit einem neuen Lieblingsteil und einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht aus der Ladentür treten wirst.

Ansonsten kannst du natürlich auch jederzeit in ihrem Online Shop vorbeischauen, in dem sie einzigartige Mode, Accessoires und Schuhe anbieten – außerdem sogar retro Mode für den Herren!

Tolle, offene und humorvolle Einblicke in die Arbeit der Ladies gibt es übrigens täglich auf ihrem Instagram Account

Ich wünsche den Revival Ladies rund um Rowena alles Liebe für 2018, mögen all eure Pläne und Ideen in Erfüllung gehen. 

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