Von der Olympischen Malerei – 6 Kuriose Anekdoten aus der Sportgeschichte

16. August 2016

Während die Olympischen Spiele gerade wieder die ganze Welt in ihren Bann ziehen, liebe ich neben den spannenden Wettkämpfen besonders den Anekdoten aus der Sportgeschichte zu lauschen.

Was die Sportgeschichte schreibt…

Im Fernsehen werden Bilder gezeigt, wie die ersten Damen in Korsetts und langen Kleidern am olympischen Bogenschießen teilnahmen, es wird erklärt, dass das olympische Einzelzeitfahren im Radsport einst ganze 300 Kilometer lang war oder, dass Michael Phelps mittlerweile so viele Medaillen gewann, dass er in der olympischen Sportgeschichte erfolgreicher als ganz Argentinien ist.

Es sind wunderbare und auch skurrile Geschichten, die die Sportgeschichte schreibt. Wusstest du zum Beispiel, dass…

1. …ein Tour de France Fahrer nach einem Nickerchen in die komplett entgegengesetzte Richtung fuhr?

Bei der Tour de France 1950, auf der Etappe von Perpignan nach Nimes, lag der Algerier Abdel Kader Zaaf mit dem Franzosen Marcel Molinès deutlich in Führung. Durch die Hitze völlig ausgelaugt genehmigte sich Zaaf in einem Straßencafé eine Pause und gönnte sich zwei Flaschen Weißwein. Durch sein Besäufnis völlig knülle, schlief er gemütlich unter einem Baum ein.

Sportgeschichte Tour de France

Zaaf (vorn) und Molinès auf der 13. Etappe der Tour 1950.

Frisch gestärkt stieg Zaaf wieder auf sein Rad und erhöhte das Tempo, um das Feld wieder einzuholen, ohne jedoch zu merken, dass er sich auf den Rückweg zum Startort der Etappe machte. Zaaf bemerkte irgendwann seinen Fehler, als ihm einige verwunderte Nachzügler aus dem Feld entgegen kamen.

Die Sportgeschichte kennt noch weitere zahlreiche bizarre Ereignisse bei der Tour. So wurden im Jahr 1904 ein halbes Jahr nach der Austragung des Rennens die ersten vier des Gesamtklassements ausgeschlossen. Sie hatten verbotenerweise Autos und Eisenbahnen genutzt.

1913 fuhr Eugène Christophe an erster Position über den Col du Tourmalet, bis ihm auf der Abfahrt die Gabel brach. Damals gab es noch längst keine Materialwagen, so trug er das Gerät 14 km bis zur nächsten Schmiede. Da fremde Hilfe strengstens untersagt war, reparierte Christophe sein Rad vor jubelnder Zuschauermenge und unter voller Erschöpfung selbst.

Sportgeschichte Tour de France

Eugène Christophe mit seinem kaputten Rad. Ein ganz besonderer Held der Sportgeschichte.

Mit über zwei Stunden Verspätung auf die Spitze kam Christophe, von nun an der „alte Gallier“ genannt, letztendlich ins Ziel. Die Verantwortlichen quittierten ihm noch eine zusätzliche Strafminute, da ein Junge in der Schmiede den Blasebalg bediente.

2. …die Gründer von Adidas und Puma Brüder waren?

Adidas und Puma gehören seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Sportartikelfirmen der Welt. Nach Nike sind sie Nummer zwei und drei auf dem Weltmarkt und liegen doch gerade einmal fünf Autominuten voneinander entfernt.

Beide kommen aus der gleichen Stadt, Herzogenaurach, einem kleinen Ort in der Nähe von Nürnberg. Dort wurde der moderne Sportschuh erschaffen, und dort schwelt bis heute der Streit, welche der Marken nun den Fußballschuh mit den Schraubstollen erfunden habe. Und das, obwohl die Gründer der großen Firmen den gleichen Nachnamen tragen.

1920 begann die Geschichte von Adidas und Puma. Adolf Dassler nähte in der Waschküche seiner Mutter die ersten Schuhe, 1923 stieg sein Bruder Rudolf in den kleinen Betrieb mit ein, und gemeinsam gründeten sie „Sportschuhfabrik Gebrüder Dassler“.

Sportgeschichte Adidas Puma

Adi Dassler 1925 in seiner Sportschuhfabrik.

1930 betrug die Jahresfertigung bereits 10.500 Paar Rennschuhe und 18.500 Fußballschuhe. Zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin liefen alle deutschen Athleten mit Dassler Schuhen in das Stadion ein, und die beiden begründeten mit dem Sponsoring des amerikanischen Athleten Jesse Owens das Sportmarketing. Die Sportschuhfabrik der Brüder hatte beispiellosen Erfolg. Adi war der Tüftler und Handwerker des Gespanns, Rudolf ein Experte ein Talent im Marketing.

Nach dem Krieg konnten sie die Fabrik nur noch schwer über Wasser halten, bis es 1948 zum Zerwürfnis der Brüder kam, die Gründe sind bis heute nicht ganz geklärt. Adi gründete „Adidas“, Rudolf „Puma“. Als Anlehnung an ihre Namen hießen die Firmen ursprünglich „Addas“ und „Ruda“. Beide wurden als Marke schnell populär.

Die kleine Stadt Herzogenaurach spaltete sich in zwei Parteien – so spielten die Mitarbeiter von Adidas und Puma etwa in unterschiedlichen Sportvereinen, auch gemischte Ehen waren absolut tabu.

Sportgeschichte Adidas PumaAdolf und Rudolf Dassler im „Duell der Brüder“, gespielt von Ken Duken und Torben Liebrecht. Via Universum Film.

Sportgeschichte Adidas Puma

Der brüderliche Zwist geht auch post mortem weiter. Wer mit seinen Produkten angesagter ist, und wer origineller, wird in der Stadt unterschiedlich aufgefasst. Je nachdem, ob man bei Adidas die Adi-Dassler Straße 1 entlanggeht, oder die Würzburger Straße 1 von Puma besucht.

Ein sehr spannender, jedoch etwas fiktiver Film über die Gründung und den Zwist der beiden Brüder und ihrer Firmen ist „Das Duell der Brüder – die Geschichte von Adidas und Puma“*.

3. …Malerei, Musik und Bildhauerei olympische Disziplinen waren?

Walter Winans, der zwölffache englische Meister im Pistolenschießen, musste sich bei den Olympischen Spielen 1912 enttäuscht mit der Silbermedaille zufrieden geben. Doch trotz seines zweiten Platzes bei den olympischen Sportwettkämpfen verließ Winans die Spiele letztendlich als Olympiasieger – in der Bildhauerei!

Sportgeschichte Olympia

„Ein amerikanischer Traber“, die Bronzeplastik, welche Winans 1912 Gold bei Olympia bescherte.

Seine Plastik mit dem Namen „Ein amerikanischer Traber“ wurde mit Gold prämiert. Eine kleine Sensation, denn 1912 wurden das erste Mal für künstlerische Leistungen olympische Medaillen vergeben. Dichter, Komponisten, Maler oder Architekten kämpften dabei in insgesamt 66 Wettkämpfen um den Titel des Olympiasiegers. In Kategorien wie Gebrauchsgrafik, Medaillenkunst oder Marschmusik legten sie ihre Werke und Entwürfe einer Jury vor. Einzige Bedingung: die Kunst musste vom Sport inspiriert sein.

Verantwortlich für diese – aus heutiger Sicht skurrilen – Wettbewerbe war Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele. Er strebte eine gleichberechtigte Beteiligung von Sportlern und Künstlern an, eine Einheit von Körper und Geist. Auch beim antiken Vorbild der Wettbewerbe waren Sänger, Maler oder Schauspieler beteiligt, worauf er sich berief.

Sportgeschichte Olympia

Alfred Hajos, ungarischer Architekt, springt 1949 in den Pool eines von ihm entworfenen Schwimmstadions. Mit diesem Bauwerk gewann er 1924 in Paris die Silbermedaille in der Disziplin „Baukunst“.

Über die folgenden Jahrzehnte fanden die Wettbewerbe mal mehr, mal weniger erfolgreich statt.

Schließlich wurden Kunstdisziplinen der Spiele 1936 wurde durch die Propaganda und den Kunstausschuss der Nationalsozialisten, welche das Land von „entarteter Kunst“ säuberten, innerhalb kurzer Zeit zu Grabe getragen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Organisatoren in London einen letzten Versuch gestartet, die Kunstwettbewerbe wieder zu beleben. Dieser verlief jedoch im Sande.

Über die faszinierenden Hintergründe dieser Geschehnisse hat die Filmemacherin Alexa Oona Schulz ein Dokumentation gedreht: Feuer und Flamme für die Kunst – Die Geschichte der Olympischen Kunstwettbewerbe von 1912 – 1948*.

4. …der erfolgreichste Läufer der Olympischen Spiele seit 2000 Jahren tot ist?

22 olympische Goldmedaillen kann Schwimmer Michael Phelps mittlerweile sein eigen nennen. Neun aus Staffelwettkämpfen mit dem amerikanischen Schwimmteam, 13 gewann er in Einzeldisziplinen.

Somit hat er mittlerweile einen Einzelsieg mehr vorzuweisen als der bisherige Rekordhalter. Leonidas von Rhodos, ein griechischer Sprinter, war der erfolgreichste Athlet der Olympischen Spiele. Und das seit 2200 Jahren!

In den Jahren 164, 160, 156 und 152 v. Chr. setzte er sich jeweils drei Mal als Sieger von Laufwettbewerben an die Spitze und wurde aufgrund seiner Dreifacherfolge „Triastes“ – der „Dreifache“ tituliert. Schon damals waren die Olympischen Spiele ein gigantisches Spektakel. Mit einem Unterschied: Von der ersten Austragung 776 v. Chr. bis zur letzten im 4. Jahrhundert n. Chr. fanden sie immer an der gleichen Spielstätte statt – im Heiligtum des Zeus in Olympia.

Sportgeschichte Olympia

Idealrekonstruktion des antiken Olympia von Friedrich Thiersch, 1879. Via Wikimedia Commons.

Nur wirkliche Goldmedaillen hatte Leonidas im Vergleich zu Phelps nie erhalten. Die Sieger der alten Wettbewerbe erhielten zur Belohnung einen Kranz aus Olivenzweigen aus dem heiligen Hain des Zeus, Platz zwei und drei gingen leer aus.

5. …Fußbälle ursprünglich mit einer Schweinsblase gefüllt waren?

Als der Lehrer Konrad Koch in Braunschweig mit seinen Schülern 1874 das erste Fußballspiel Deutschlands veranstaltete, war das in England bestellte Utensil noch geformt wie ein Rugby-Ei. Aus praktischen Gründen wechselte man schnell zu einer runden Form.

Diese ersten runden Bälle aus dem Ende des 19. Jahrhunderts bestanden aus Leder und Schweinsblasen. Durch einen Schlitz wurde die  aus einzelnen Stücken handgenähte Lederhülle mit der Blase gefüllt und danach mit einer Schnürung verschlossen.

Diese Schnürung führte zu besonders fiesen Wunden bei Kopfbällen, doch mangels passender Alternativen wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit diesem geschnürten Schweinsblasen-Ball gespielt, bis später ein mit einem Ventil versehener Schlauch diese Methode ablöste.

Sportgeschichte Fußball

Konrad Koch (Daniel Brühl) mit seinen Schülern im Film „Der ganz große Traum“.

Das Modell, das bis heute als klassischer Fußball gilt, wurde von Adidas 1970 für die WM in Mexiko entwickelt. Fünf schwarze Fünfecken und 20 weiße Sechsecken als Muster machte den Ball im schwarz-weiß Fernsehen besser erkenntlich.

Ein sehr schöner Film über die Anfänge des Fußballs in Deutschland durch den Lehrer Konrad Koch ist der 2010 mit Daniel Brühl verfilmte „Ganz große Traum“*.

6. … Sackhüpfen als olympischer Wettbewerb galt?

Mit der Begründung der Spiele der Neuzeit wurde um 1896 willkürlich entschieden, welche Disziplinen in die Wettkämpfe aufgenommen werden sollten.

Besonders in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg war die Auswahl der Wettbewerbe noch recht skurril, wie ich dir schon in Punkt 3 beschrieben habe. Doch auch diese Disziplinen der Sportgeschichte möchte ich dir nicht vorenthalten – es ist einfach zu kurios!

Sportgeschichte Tonnenspringen

Auch Tonnenspringen gehört zur olympischen Sportgeschichte, und zwar 1904.

So gab es bis 1924 ganz im Stile von echten Gentleman olympisches Spazierstockfechten. Auch ein Hindernisschwimmen in der Pariser Seine fand 1900 statt, wobei die Sportler zwischendurch über Boote klettern mussten. Ganz besonders herrlich finde ich die Vorstellung, dass auch beim Sackhüpfen die Goldmedaille vergeben wurde. Bei den Spielen von St. Louis 1904 waren wohl die Übergänge der Sportdisziplinen zu Jahrmarktattraktionen recht fließend.

Sportgeschichte Sackhüpfen

Sackhüpfen 1904 in St. Louis.

So mussten beim Tonnenspringen die Teilnehmer alle 50 Meter durch an Seilen aufgehängte Fässer springen. Auch im Tabak-Weitspucken und Sackhüpfen wurden Sieger gekrönt.

Wäre das nicht eine verrückte Vorstellung, diese Wettkämpfe heute wieder in Rio zu sehen?

Welcher dieser Anekdoten aus der Sportgeschichte kanntest du bereits, oder hast du selbst noch etwas Spannendes hinzuzufügen? 

 

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2 Kommentare

  • Antworten Melanie 1. Oktober 2016 at 13:11

    Hallo Victoria,
    ein toller, spannender und sehr unterhaltsamer Beitrag! Vor allem die Bilder sind super ausgewählt und untermalen den Zeitgeist der jeweiligen Epochen sehr gut! Vieles, von dem, was du anführst, wusste ich noch gar nicht und war sehr überrascht und amüsiert, vor allem über die kuriosen Disziplinen, die als letztes beschrieben werden. Ich fände es genial, wenn diese wieder eingeführt werden würden 🙂 Ich kenne noch eine Anekdote zum Thema Marathon als olympische Disziplin; 1904 hat der Kubaner Félix Carvajal zunächst seine langen Hosen während des Laufs abgeschnitten, damit er sich besser fortbewegen konnte, hat dann auf dem Weg ein paar Äpfel gegessen, die dort wild gewachsen sind, hat davon dann Bauchschmerzen bekommen und sich daraufhin am Straßenrand eine Weile schlafen gelegt. Am Ende ist er tatsächlich noch Vierter geworden, erstaunlich oder?

    Liebe Grüße,

    Melanie

    • Antworten Vintagemaedchen 5. Oktober 2016 at 10:13

      Liebe Melanie,

      das ist super, dass du Spaß hattest, den Beitrag zu lesen! Ich liebe ja solche Anekdoten. Die Geschichte mit dem Kubaner kannte ich noch nicht, die ist ja auch herrlich!

      Liebe Grüße,
      Victoria

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