Teddy Girls und Teddy Boys: Die fast vergessene Subkultur der 50er Jahre

7. September 2017

„Eine geheimnisvolle soziale Krankheit hat Englands Jugend befallen. Sie äußert sich am auffälligsten in einer zunächst ziemlich harmlos scheinenden Vorliebe für altertümliche Kleidersitten. Gleichwohl hat sie – und darin liegt ein schwer aufzuklärender Widersinn – gerade die Hüter der konservativen Tugenden Englands alarmiert.“ Der Spiegel, 1955.

Nachdem Ken Russells Aufnahmen im Jahr 1955 in einem kleinen Magazin veröffentlicht wurden, blieben sie über ein halbes Jahrhundert verschollen. 2005 entdeckte man sie wieder – ebenso wie diese jungen Frauen.

-Anzeige-

Find the English version of this post here: Teddy Girls – the rebellious, nearly forgotten subculture of the 1950s.

Teddy Boys Industrial

Der Mann, der die Teddy Girls entdeckte

“No one paid much attention to the Teddy Girls before I did, though there was plenty on Teddy Boys,” sagte Ken Russell (1927 – 2011) einst. Im Jahr 1955 entschied sich der Fotograf und Regisseur, die Londoner Teddy Girl Gangs abzulichten. Er war fasziniert vom Stilbewusstsein und der Unabhängigkeit dieser jungen Frauen. Also fing er ihre einzigartige Haltung und Attitüde in einer Fotoserie ein, wobei sie auf den Trümmern des Londoner East End posierten.

Die Art und Weise, wie sich die Teenager zeigten, war für junge Frauen zu dieser Zeit absolut unpassend. Russells Bilder erzählen von starken, stilvollen, androgynen Mädchen in Hosen und Anzügen, die ihr Leben nach ihren eigenen Regeln formten.

“They were tough, these kids, they’d been born in the war years and food rationing only ended in about 1954 – a year before I took these pictures. They were proud. They knew their worth. They just wore what they wore.” Ken Russell.

Eines Tages traf Ken Russell auf Josie Buchan. Das Teddy Girl stelle ihm einige ihrer Freundinnen vor, die er daraufhin in Notting Hill ablichtete. Nachdem seine beeindruckenden Aufnahmen in einem kleinen Magazin im Jahr 1955 veröffentlicht wurden, galten sie fast ein halbes Jahrhundert als verschollen – bis sie 2005 wiederentdeckt wurden.

Unter seinen Arbeiten aus dieser Zeit befindet sich auch die Serie „The Last of the Teddy Girls“. Diese Bilderserie portraitiert einzigartige Charaktere der Londonder Girlgang-Subkultur. Aufgrund des Urheberrechts kann ich sie auf meiner Seite nicht veröffentlichen, du findest sie aber zahlreich unter diesem Link.

2011 starb Kenn Russel im Alter von 84 Jahren. Seine einmaligen Aufnahmen sind heute bedeutende Zeitzeugen der britischen Jugendkultur der 50er Jahre.

Teddy Boys Gracy Q
Die Leipziger Designerin Anne Kämpfe von Gracy Q hat ihre kommende Herbst / Winter Kollektion dem Look der Teddy Girls gewidmet, online ab dem 25. 9. Mein Outfit ist die Verbindung aus Judies Dress – das Kleid aus Herringbone trage ich hier als Mantel – außerdem die Rosie Blouse und Notting Hill Trousers. Die Schuhe zum Outfit findest du hier*.

Im zweiten Teil meines Teddy Girl Specials im Oktober werde ich mehr zu Annes Kollektion und dem Look der Teddy Girls erzählen. Die Bilder zu diesem Beitrag machte der großartige Leipziger Fotograf Robert Strehler.

Teddy Boys Gracy Q

Wie alles begann: Die Teddy Boys

Auf den ersten Blick mag es etwas paradox erscheinen: Die Verbindung aus dem aristokratischen Stil eines Edwardian Gentleman mit der rebellischen Attitüde des amerikanischen Rock ’n‘ Roll. Doch es passte!

Die 50er waren eine Dekade, in der die Jugendkultur endlich eine eigene Ästhetik entwickelte und sich von ihren Zeitgenossen abhob.

Es war der 23. September 1953, als der Daily Express einen Artikel mit der Bezeichnung „Teddy Boy“ veröffentlichte. Auf diese Weise fand die Gruppe zu ihrem Namen. „Teddy“ ist die Abkürzung für „Edward“ – den Monarchen, dessen Jahrzehnt mit seiner Mode Vorbild für die Girl- und Boygangs wurde. Junge Männer und Frauen entdeckten die Edwardian Suits für sich und machten sie zu ihrem modischen Statement. Kleider, die ihre Großeltern trugen – und das ein halbes Jahrhundert und zwei Weltkriege zuvor.

„Mit dieser Hose kommen Sie nicht in die Stadt. Die entspricht dem albernen Eduard-Stil und ist deshalb verboten.“
Der Spiegel, 1955.

Diese Jugendgeneration rebellierte gegen ihre Eltern, während sie auf den Ruinen des alten Empire posierte. Die Teddy Boys und Girls entsprangen fast alle der Arbeiterklasse aus Ost und West London. Diese Gegenden litten an den Wunden des Krieges, da zahlreiche Trümmerfelder noch immer wie Mahnmale von den Bombeneinschlägen zeugten.

Teddy Boys

Teddy Boys Zigarette
Diese Aufnahmen von Robert Strehler entstanden im Leipziger Kunstkraftwerk. Es war ursprünglich ein altes Heizwerk, bestehend aus drei Kohleöfen und Kohlebunkern. Das Werk belieferte die nahe gelegene Industrie in den Leipziger Stadtteilen Lindenau und Plagwitz über Rohrleitungen mit heißem Wasser.

1992 schloss das Kraftwerk, seit 2015 werden in diesem denkmalgeschützten Gebäude Kunstausstellungen wie Videoinstallationen, Performances und künstlerische Erlebniswelten gezeigt. Wenn du mal in Leipzig bist, ist das Kunstkraftwerk ein toller Besuchstipp!

Teddy Boys Zigarette

Teenager der Arbeiterklasse konnten sich mittlerweile gute Kleidung leisten, also begannen sie, das Wiederbeleben der Edwardianischen Mode durch die höheren Klassen zu übernehmen. Die Teds trugen lange Uniformjacken, Kragen aus Samt und schmale Bänder oder Krawatten. Außerdem kombinierten sie diese Looks mit Schuhen aus dicken Gummisohlen und den Greaser-Frisuren ihrer amerikanischen Rock ’n‘ Roll Idole.

Die Teddy Boys sind ein einzig britisches Phänomen. Doch als der Rock ’n‘ Roll 1955 in Großbritannien einschlug wie eine Bombe, wurde die Musik sofort von den Teds übernommen. Von da an waren der Stil und die Musik kaum voneinander zu trennen.

Noch wesentlicher als die Interpretation der Upper Class – Mode durch die Teddy Boys war die daraufhin folgende Übernahme des burschikosen Looks durch die Mädels. Die Teddy Girls waren auch unter dem Spitzenamen „Judies“ bekannt und stammten ebenso aus der Arbeiterklasse oder irischen Immigranten-Familien. Das Leben der Jungs konzentrierte sich eher auf Straßen und Cafés, die Freizeit der jungen Frauen war von ihrem Dasein Zuhause bestimmt.

Leider wurden sie aufgrund dessen von den Medien als uninteressant eingestuft. Sie wollten stattdessen die Teddy Boys als gewalttätige Jugendgang darstellen. Während die Teds (oftmals auch zu Unrecht) bekannt dafür waren, an Straßenecken abzuhängen – auf der Suche nach Ärger – war das Leben einer jungen Frau aus der Arbeiterklasse in den 50er Jahren von Heim und Herd geprägt.

Teddy Boys
Teddy Boys

Teddy Boys

Mit Rüschen gegen die Aristokratie

In Zeiten von Entbehrung und Knappheit nach dem Krieg wurde die ausgelebte Dekadenz zu einem Fingerzeig in Richtung der herrschenden Klassen. Da edwardianische Uniformjacken in den 50er Jahren in vielen Secondhand-Märkten zum Verkauf standen, übernahmen die Teds diesen Look.

Das wiederum sorgte dafür, dass die damals neu entdeckte Mode für die Oberschicht untragbar wurde.

Dieses spannende Video zeigt ein Interview mit einer Gruppe Teds. Sie werden von einem Reporter zu einem Angriff auf einen Pfarrer befragt. Es scheint jedoch so, als ob sich die Teddy Boys im Sommer doch eher zum Schwimmen und Angeln zurückziehen würden (siehe Minute 2:45).

Trotz ihres smarten Gentleman Stils schienen die Teds auf die Öffentlichkeit eher eine einschüchternde Wirkung zu haben. Die Medien brachten sie regelmäßig mit Unruhen in Verbindung.

Nur Ken Russell schien wohl genau zu wissen, mit wem er es zu tun hatte:

“I never thought of those kids as anything but innocent. Even the Teddy Girls, all dressed up, were quite edgy, and that interested me. They were more relevant and rebellious — but good as gold. They thought it was fun getting into their clobber, and I thought so too.” Ken Russell

Mehr Fokus auf die Teddy Girls!

Die Teds wurden zur ersten Jugendgruppe Großbritanniens, die ihren Stil selbst entwickelte.

Auch wenn es zuvor bereits Gruppen mit eigenen Dress-Codes gab, haben sich die Teddy Boys und Girls als erste in England als Teenager von den anderen abgehoben und dazu beigetragen, einen eigenen Markt für Jugendliche zu schaffen. Sie gingen gemeinsam ins Kino, zu Tänzen und Konzerten, sammelten Rock ’n‘ Roll Platten und Magazine.

Ken Russell ist es zu verdanken, dass nicht nur die männlichen Mitglieder der Teds auf Fotografien festgehalten wurden, sondern auch die leider zu oft im Verborgenen gehaltenen Teddy Girls. Und das, obwohl die Judies die erste weibliche britische Jugend-Subkultur bildeten. Ihre Gruppe blieb aus historischer Sicht fast unsichtbar. Nicht viele Aufnahmen existieren von den Teddy Girls, und nur ein Zeitungsartikel wurde über sie veröffentlicht – im Jahr 1955.

In diesem Artikel befanden sich auch Russells heute weltberühmten Portraits.

Eines der Mädchen aus Russells Portraitserie war Rose Shine, zur Zeit der Aufnahmen gerade einmal 15 Jahre alt. 50 Jahre später sagte sie der Times:
„We prinked ourselves because only the Teddy Boys received all the attention. They did not even notice us.“

Teddy Boys Kunstkraftwerk

Umso besser, dass wir mit dem Erscheinen der neuen Gracy Q Kollektion wieder ein Licht auf diese Subkultur werfen – die stilvollen, rebellischen Mädels, deren einzigartiger Look bis heute unverwechselbar ist.

Teddy Boys Run

Großer Dank an das Leipzig Kunstkraftwerk und Robert Strehler, die die Aufnahmen ermöglicht haben.

Mehr Posts zum Thema Vintage Style und -Mode:

70er Jahre Look –  Von Freiheit, einsamer Natur und Spaziergängen mit der Kamera
Interview mit Angelique von Topvintage Boutique – über Entrepreneurship und starke Frauen
40er Jahre Mode und wie du sie heute tragen kannst

*Infos zu den im Beitrag verwendeten Affiliate Links findest du unter meinen Vintage Shopping Tipps.

Das könnte dir auch gefallen

2 Kommentare

  • Antworten Charli 22. September 2017 at 19:04

    Oh, das war ein super interessanter Artikel. Ich hatte vorher noch nie von dieser Jugendbewegung gehört und das als London- und Modefan. Das Teddy Girl Rose Shine war genauso alt wie ich. Allerdings ist es wohl heute gar nicht mehr so einfach auf diese Weise von sich Reden zu machen, da muss ich mir was einfallen lassen . 🙂
    Eure Neuinterpretation des Stils gefällt mir sehr gut und die Bilder sind wundervoll.
    LG Charli von https://frischgelesen.de

    • Antworten Vintagemaedchen 24. September 2017 at 19:33

      Liebe Charlotte,

      ganz vielen Dank – das freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! Ich denke, heute gibt es auch tolle Möglichkeiten, von sich Reden zu machen. Man muss nur den richtigen Platz für sich finden. <3

      Liebe Grüße,
      Victoria

    Kommentieren