Des Wieners Wohnzimmer – zu Besuch im Wiener Kaffeehaus

10. Oktober 2015

Das Wiener Kaffeehaus als Lebensgefühl

Café Central Wiener Kaffeehaus

Ein genussvoller Besuch im wunderschönen Café Central. 

Das Kaffeetrinken haben die Wiener zu ihrer Kultur gemacht, zu einem Lebensgefühl, das viele Besucher aus aller Welt seit Jahrhunderten in die Tempel des Genusses führt.

Mit einer feinen Verbeugung serviert der Herr Ober den Einspänner. Aus dem Hintergrund steigt dezente Klaviermusik auf. Die Dame nebenan nippt seit zwei Stunden genüsslich an demselben Tässchen, während wir verträumt die Flaneure vor dem Fenster vorbei schlendern sehen.

Wie wunderbar, wir haben alles richtig gemacht. Denn wir sitzen in einem Wiener Kaffeehaus. Wir zelebrieren die Langsamkeit des Seins. Komm mit mir in die wunderschönen Traditionshäuser, brüh dir ein Tässchen Tee und genieße den kleinen, herbstlichen Ausflug in die Nostalgie des Genusses.

Die ersten Kaffeehäuser in Wien

Café Central Wiener Kaffeehaus

Ein Blick in das 1876 eröffnete Café Central.

Um die Entstehung der weltberühmten Kaffeehauskultur Österreichs ranken sich viele Geschichten. Es wird erzählt, dass die Wiener zum ersten Mal nach der Belagerung durch die Türken mit den schwarzen Bohnen in Kontakt kamen. Laut einer Legende soll der Geschäftsmann Georg Franz Kolschitzky nach seinem Triumphzug gegen die Besatzer einige Säcke Kaffee entdeckt haben.

In Wahrheit war es der armenische Handelsmann Johannes Theodat (auch Didato), welcher 1685 in seinem Wohnhaus das erste Wiener Kaffeehaus eröffnete. Stück für Stück vergab Kaiser Leopold I. weitere Konzessionen für den Kaffeeausschank. So gab es 1814 bereits 150 Kaffeehäuser in Wien, bis zur Jahrhundertwende sollten es 600 werden. Das süße Geheimnis der Wiener Erfolgscafés: das Beimischen von Zucker und Milch! Auch rösteten sie ihre Bohnen selbst, wodurch das Wiener Kaffeehaus den Beinamen Kaffeesieder erhielt.

Muse für Dichter und Denker

Café Central Wiener Kaffeehaus

Das Café Central als Begegnungsstätte der Dichter und Denker, um 1900. Archiv Café Central.

Um 1850 gab es im Wiener Kaffeehaus schon alles, was bis heute zur Tradition gehört. Es wurden Zeitungen angeboten, die Gäste spielten Billard oder Karten. Auch war es bereits damals üblich, dass ein Gast während eines stundenlangen Aufenthaltes oft nur eine Tasse Kaffee bestellte. Zu dem heißen Getränk wird grundsätzlich ein Glas Wasser gereicht und dieses anstandslos immer wieder aufgefüllt.

Das Besondere an der europäischen Kaffeekultur ist der soziale Aspekt. Kaffeehäuser sind beliebte Orte des Austauschs. Hinter dem Verweilen verbirgt sich ein Moment, in dem Menschen zusammenfinden. Politik, Wirtschaft, Nachrichten, Mode, Literatur und Kunst werden bei einer Tasse Großem Schwarzen diskutiert. So waren es Literaten wie Arthur Schnitzler und Stefan Zweig, die das stimmungsvolle Ambiente nutzten, um über ihre Themen zu sinnieren und Inspiration für ihre Arbeit zu finden. 1899 wurde das Café Museum eröffnet.

Café Museum Wiener Kaffeehaus

Das Café Museum mit seiner moderneren Einrichtung.

Im Gegensatz zu den prunkvollen Gründerzeit-Kaffeehäusern wurde jenes von Architekt Adolf Loos in moderner Einfachheit ausgestattet. Es entfaltete sich zum Tummelplatz einer jungen Garde von Intellektuellen, die auf dem Weg war, die Welt der Kunst und Kultur zu revolutionieren. Maler der Moderne wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka trafen sich in ihrem Stamm-Café.

Der Architekt Otto Wagner oder bedeutende Schriftsteller namens Joseph Roth, Karl Kraus oder Georg Trakl fanden sich ein, um sich Anregungen oder Kritik für neue Werke zu holen. Die Kaffeehausliteratur war geboren.

Die Arbeit im Wiener Kaffeehaus ermöglichte ein Werkeln an den eigenen Stücken, ohne sich allein zu fühlen. Verließ einen Künstler die Muse, so wurde mit Kollegen debattiert oder Karten gespielt. Außerdem boten Kaffeehäuser den Luxus, sich anrufen zu lassen. Eigene Telefone waren für die permanent illiquiden Künstler unbezahlbar. Auch ihre eigenen Werke konnten sie in den Wiener Cafés präsentieren.

Café Museum Wiener Kaffeehaus

Blick in das Café Museum in den 30er Jahren, Archiv Café Museum.

Ob Café Central, Hawelka, Café Museum oder Griensteidl – die Kaffeehäuser waren nicht nur Orte des Ausschanks und Genusses, sie boten ein zweites Zuhause. Der Kaffeehausliterat Peter Altenberg schloss daraus:

„Du hast Sorgen, sei es diese oder jene – ins Kaffeehaus! Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen – ins Kaffeehaus! Man kreditiert dir nichts mehr – ins Kaffeehaus!“ (1918).

Café Landtmann Wiener Kaffeehaus

Vor dem Café Landtmann in den 20er Jahren, Archiv Café Landtmann.

Einen bedeutenden Platz in der Wiener Kaffeehauskultur nahmen auch die Konzertcafés ein. Die Einwohner liebten Konzerte im Kaffeehaus und oft waren diese bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Wer das Glück hatte, einem Vorspiel beizuwohnen, erlebte Ludwig van Beethoven persönlich. Auch Wolfgang Amadeus Mozart oder Johann Strauss Senior erprobten dort gern die Wirkung ihrer Kompositionen.

In den 1920er Jahren wurde der aus Amerika importierte Jazz zum musikalischen Highlight eines Cafébesuches. Jazz war für die Gäste eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und das Tanzbein zu schwingen. Auch heute sind die Konzertcafés überaus gefragt.

Per Farbpalette zum Kaffeegenuss

Die Kreativität in Sachen Produktvielfalt und -namen kennt in den österreichischen Cafés keine Grenzen. Die typische Wiener Spezialität ist die Melange (zu Deutsch: Mischung). Sie besteht aus einem Teil Espresso, einem Teil geschäumter Milch und wird mit einem Schaumhäubchen gekrönt. Auch der Einspänner ist sehr beliebt.

Der Name leitet sich von Pferdefuhrwerken ab, welche im Wien des 19. Jahrhunderts gebräuchlich waren. Dieser doppelte Espresso wird in einem Glas mit Henkel serviert, mit 3cl Wasser verlängert und einem üppigen Klecks Schlagsahne genossen. Die Schlagsahne bekommt der Gast übrigens unter dem Namen „Schlagobers“ serviert.

Café Central Kaffeehaus Wiener Kaffeehaus Wien

Einen Kleinen Schwarzen habe ich mir im Café Central gegönnt. Dazu trage ich den 50er Jahre Hut von Tate Millinery, originalgetreue Spitzenhandschuhe, du findest sie hier, eine Retro Bluse und einen wundervollen Rock von Banned. Auch die Umgebung der Kaffeehäuser ist übrigens ein Traum! 

Als Kleiner oder Großer Schwarzer werden einfacher und doppelter Espresso bezeichnet, Kleiner und Großer Brauner sind ebenfalls Espresso-Bezeichnungen, werden aber mit einem separaten Kännchen Schlagobers gereicht.

Außerdem gäbe es da noch den Franziskaner, den Verlängerten oder den Kaffee verkehrt und, und, und.Während der heutige Kaffeehausbesucher sich durch einen Dschungel aus Kaffeebezeichnungen schlägt, wurde früher die Entscheidung für das richtige Getränk mit einer wunderbaren Methode vereinfacht.

Der Kellner reichte dem Gast eine Farbpalette. Darauf waren verschiedenste Farbschattierungen angebracht – von Schwarz bis milchig Weiß. So bestellte man seinen Kaffee nach Farbe. Je schwärzer desto stärker, je heller desto milder. Die Palette war damals so nuancenreich, dass es viel mehr Kaffeevariationen gab als heute.

Wiener Kaffeehaus Karte

Auch die Auswahl an Gebäck ist verführerisch!

Kaffeehausnostalgie – Genießen wie anno dazumal

Die Weltwirtschaftskrise von 1929, die Hitlerdiktatur und der Zweite Weltkrieg sorgten für den Niedergang des beliebten Wiener Kaffeehauses. Viele ehemals berühmte Lokale waren wirtschaftlich am Ende.

Doch seit einigen Jahren scheint man sich auf die alte Tradition zu besinnen. Die Kaffeehausnostalgie boomt und im Café Central, Sperl oder Schwarzenberg entspannt man genüsslich bei Kaffee und hausgemachtem Torten. Die Wiener Kaffeehaus-Kultur wurde sogar als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt. Wie anno dazumal sind dekorierte Marmortische und traditionelle Thonetstühle ein beliebtes Interieur in den klassischen Wiener Cafés.

Café Central Wiener Kaffeehaus

Im Café Prückel, ebenso in vielen anderen dieser Etablissements, wird der Besucher altbewährt vom Herrn Ober in edler Robe bedient. Auf der Suche nach Entschleunigung und Ruhe ist außerdem das Café Landtmann längst eine bedeutende Institution. Seit dessen Eröffnung 1873 als „Wiens eleganteste Café-Localität“ hat es bis heute, auch dank umfangreicher Sanierungen, von seinem nostalgischen Charme nichts verloren.

Dessen Gründer Franz Landtmann hätte sich wohl nie erträumt, dass ein Kaffeehaus unter seinem Namen sogar in Tokio eröffnet werden würde – nach 136 Jahren.

Mein persönlicher Genuss – Ort: Das Café Central

Café Central Wiener Kaffeehaus

Ein wirklich wunderbares Etablissement, um genüsslich die Seele baumeln zu lassen, ist das Café Central.

Im Palais Ferstel liegt das zauberhafte Traditionscafé direkt an der berühmten Wiener Ringstraße. 1876 wurde es bereits eröffnet, und ist bis heute ein beliebter Treffpunkt für bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Literatur, aber auch eine Vielzahl an Besuchern aus aller Welt, die in den Kosmos des Kaffee-Genusses eintauchen möchten.

Die lange Tradition des Kaffeetrinkens, die historische Atmosphäre des Cafés und die beeindruckende Architektur und Einrichtung dieser Lokalität haben mich so fasziniert, dass dieser Ort zum Thema meiner Abschlussarbeit des Studiums in Kunstgeschichte geworden ist. Was für eine Gelegenheit, meine Liebe zum historischen Kaffeehaus zu krönen!

Entschuldigt mich nun bitte. Ich muss den nächsten Flug nach Wien buchen und mich in genüsslicher Langsamkeit durch die Farbpalette der Kaffeekultur schnabulieren. Vielleicht sehen wir uns ja?

Wiener Kaffeehaus Zeitschriften

 

Dieser Artikel erschien in abgewandelter Form in der Sommerausgabe 2015 des Vintage Flaneur.

Weitere Beiträge zu nostalgischen Cafés und Reisetipps:

Kaffeegenuss im Jugendstil – Zum Kaffee ins Café Riquet Leipzig
Kaffeegenuss wie vor 100 Jahren – Das Café Grundmann
Neue Gegenden erkunden – Rokoko Glanz entdecken
Halloren – Deutschlands älteste Schokoladenfabrik

Das könnte dir auch gefallen

3 Kommentare

  • Antworten Honeymoon in Wien - Reisetagebuch - vintaliciously 26. April 2016 at 20:28

    […] Einen tollen Bericht mit vielen Details und ihrer Liebe zu diesen ganz besonderen Cafés findet ihr beim Vintagemädchen. […]

  • Antworten Ursula 26. Dezember 2016 at 12:45

    Und auch heute heisst es noch, will man zuhause die Heizkosten sparen, dann geht man einfach stundenlang ins Kafeehaus. 🙂 Ich biete mich auch gerne als Kaffehausführer an.

    • Antworten Vintagemaedchen 27. Dezember 2016 at 14:38

      Huhu liebe Ursula,

      ja das stimmt wohl! Du kennst dich wohl besonders gut mit Kaffeehäusern aus?

      Liebe Grüße, Victoria

    Kommentieren